ECORIT – eine Dämmung aus Bauabfall!?

9. Okt. 2026

Vom Bauabfall zur Dämmplatte

Es müsste das Jahr 2022 gewesen sein, als ich zum ersten Mal von dieser Dämmung las, die damals noch Airopor genannt wurde.
Ich fand das so spannend, dass ich kurzerhand mit Christian Röthenmund (Ansprechpartner von Swisspor) Kontakt aufgenommen habe.

Noch im selben Jahr, an der Swissbau in Basel, kam ich mit Patrick Eberhard (Fa. Eberhard) ins Gespräch. Er betreute den Stand, an dem unter anderem auch ECORIT vorgestellt wurde. Nach einem guten und spannenden Austausch stand die Einladung für eine Besichtigung bei Eberhard.

Diese nahm ich gerne an. So durften mein damaliger Geschäftspartner Martin Friedli und ich im Rahmen eines internen Weiterbildungstages einen spannenden Einblick in die Welt des Betons und des Recyclings gewinnen. Die Geschichte dazu findet Ihr hier: friedli.leu gmbh auf Entdeckungsreise | LinkedIn

Mit Christian Röthenmund (Swisspor) blieb ich über die Jahre im Austausch. Als wir schliesslich unser Haus kaufen durften und mit der Planung des Umbaus begannen, rückte auch die Dämmung wieder stärker in den Fokus. Plötzlich bot sich die Gelegenheit, diese Dämmung nicht nur theoretisch zu betrachten, sondern am eigenen Projekt einzusetzen.

U-Werte berechnet, Machbarkeit und Eignung so gut wie möglich abgeklärt – und ab damit in die Baueingabe. Vermutlich eine der ersten mit ECORIT. ☺️

Die Energie hinter Innovationen

Im August 2026 sind wir dann der lange zuvor ausgesprochenen Einladung von swisspor gefolgt. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass unsere Projektbeteiligten ebenfalls Interesse zeigten und mich zu diesem Besuch begleiteten. So durfte ich gemeinsam mit Dieter Weisskopf von HAGA sowie Simon Gerster und zwei Mitarbeitern von bussinger + itin die Produktionshallen von swissporit besuchen.

Eindrücklich, was da alles an Innovationen dahintersteckt! Da tritt die eigentliche Innovation der Dämmung schon beinahe in den Hintergrund.

Eine eigene Mischanlage, ein eigenes Programm, eine eigene Produktionsanlage.

Was es noch nicht gibt, kann auch noch nicht bei anderen abgefragt werden. Somit bleibt nichts anderes übrig, als selbst zu testen, auszuprobieren und zu entwickeln. Schritt für Schritt.

Die besondere Energie, die beim Entwickeln von etwas Neuem entsteht, war deutlich zu spüren. Bei diesen Menschen scheint sie geradezu durch die Adern zu fliessen.

Als Christian Röthenmund von swisspor dann mit einem Seifenblasen-Teil auftauchte, das vermutlich jeder noch aus Kindertagen kennt, war ich erst recht begeistert von dieser Dämmung.

Doch weshalb?

Ganz einfach: Bei der Herstellung dienen kleine Seifenblasen als Träger, um die sich der feine mineralische Staub sammelt. Viele dieser kleinen Blasen bilden zusammen die Struktur der Dämmung.

Entsprechend kann die Dämmplatte auch wieder zu Staub zerfallen, wenn man sie zu stark zusammendrückt. Ein kleiner Nachteil beim Umgang mit dem Material.

Wie kommt man auf die Idee, aus Staub eine Dämmung herzustellen?

Als Prozess-Mensch interessiert mich natürlich auch, wie es überhaupt zu dieser Idee kam.

Die Firma Eberhard ist unter anderem als Betonlieferantin und Recyclingunternehmen bekannt. Ihre türkis-gelben Fahrzeuge und Container trifft man überall.

Die Firmengeschichte wäre vermutlich ein eigenes Buch wert – vielleicht gibt es dieses sogar schon. Vom Bauernbetrieb zu einem bedeutenden Schweizer Unternehmen. Mit vielleicht etwas Glück, aber bestimmt viel Geschick und Herzblut wurden Herausforderungen immer wieder zum Ausgangspunkt für etwas Neues.

Eberhard ist auch im Rückbau tätig und gewinnt damit einen Teil der Sekundärrohstoffe für die Betonherstellung gleich selbst.

Doch sehr feine Körnungen unter einem Millimeter können für ihren Beton nicht verwendet werden. Und man kann sich vorstellen, dass beim Rückbau beträchtliche Mengen solcher Feinanteile anfallen.

Bisher mussten diese auf Deponien entsorgt werden. Deponieraum ist allerdings ein rares Gut.

Was macht man also, wenn man kreislaufmässig denkt und Materialien möglichst weiterverwenden möchte?

Man sucht nach einer Verwendung.

In alten Unterlagen, die ich mir zu dieser Dämmung abgelegt habe, geht hervor, dass das mineralische Kaltschäumen auf Dr. Urs Gonzenbach von De Cavis zurückgeht. Gemeinsam mit weiteren Entwicklungspartnern wurde daraus eine Rezeptur entwickelt, bei der zunehmend mineralische Sekundärrohstoffe eingesetzt werden sollten.

Wie schliesslich swisspor mit ins Spiel kam, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass für die Weiterentwicklung und Markteinführung ein Partner gesucht wurde, der sowohl die nötigen Produktionskapazitäten als auch Erfahrung im Dämmstoffmarkt mitbringt.
Wie auch immer die Zusammenarbeit entstanden ist – swisspor war bereit, sich auf dieses Experiment einzulassen.

Inzwischen gibt es die Dämmung. Sie kann in grösseren Mengen produziert werden und erste Projekte stehen bereits. Nun gilt es, ihren Weg in den Markt zu finden.

Eine Dämmplatte allein macht noch keine Fassade

Eine Dämmung herzustellen und zu verkaufen, reicht allerdings noch nicht aus.

Zumindest dann nicht, wenn sie als verputzte Aussenwärmedämmung (VAWD) eingesetzt werden soll.

Denn der Verputz besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Komponenten: dem Grundputz, der Armierung mit Gewebe und dem Deckputz – also dem, was wir am Ende sehen.

Damit der gesamte Aufbau zuverlässig funktioniert, müssen diese Komponenten mit der Dämmung zusammenpassen.
Heisst, wenn ich eine Dämmung verkaufen möchte, die als VAWD angewendet werden soll, brauche ich einen Systemhalter als Partner, der einen geeigneten Systemaufbau dafür entwickelt, prüft und anbietet.

So kam unter anderem HAGA ins Spiel. Dort werden aktuell Versuche durchgeführt, um ein geeignetes Putzsystem für ECORIT zu finden.

Wenn die Komponenten aufeinander abgestimmt und die erforderlichen Nachweise erbracht sind, kann das System seinen Weg in die Anwendung finden.

Und jetzt kommen wir als Bauherrschaft ins Spiel.

ECORIT trifft auf 200 Jahre altes Bruchsteinmauerwerk

Bei einer neuen Technologie bestehen naturgemäss noch Unsicherheiten. Es braucht deshalb ein geeignetes Projekt, das mit diesen umgehen bzw. die Risiken möglichst klein halten kann.

Die Grösse muss passen – nicht zu klein, aber auch nicht zu gross. Die Bereitschaft, Ressourcen einzusetzen, muss vorhanden sein. Und die Wahl des ausführenden Unternehmers ist eine Schlüsselstelle. Das ist sie eigentlich immer, aber hier ganz besonders.

Denn auch der Unternehmer muss auf diese Reise mitgenommen werden und bereit sein, sich auf etwas Neues einzulassen.

Deshalb habe ich mich besonders darüber gefreut, dass Simon Gerster von bussinger + itin gleich zwei Mitarbeiter zur Besichtigung mitbrachte, sie sich die Produktion interessiert angesehen haben und offen für diese Anwendung geblieben sind.

DANKE!

Nächste Woche gehen wir gemeinsam einen weiteren Schritt.

Wir haben swisspor, HAGA und bussinger + itin zu unserem Projekt eingeladen, um die Anwendung direkt vor Ort zu besprechen.

Denn hier kommt eine weitere Komponente dazu: das Mauerwerk, auf dem die Dämmung befestigt werden soll.

Es handelt sich um ein Bruchsteinmauerwerk, das seit über 200 Jahren steht. Für mich als Bauherrin ist deshalb ein möglichst schonender Umgang mit dieser bestehenden Substanz besonders wichtig.

Die Dübelrichtlinie sieht bei geklebten Wärmedämmverbundsystemen im Altbau beziehungsweise bei Sanierungen eine zusätzliche mechanische Befestigung vor.

Möchten wir davon abweichen, braucht es einen entsprechenden Nachweis.

Genau darüber wollen wir uns nun gemeinsam Gedanken machen: Wie können wir die Dämmung sicher befestigen und gleichzeitig möglichst wenig in das historische Mauerwerk eingreifen?

Ich bin gespannt, welche einfachen und vielleicht auch innovativen Lösungen wir gemeinsam finden werden.

Wer mehr über die Dämmung wissen möchte besucht gerne die Seite von swisspor:
swissporECORIT – Zirkulärer Dämmstoff aus Schweizer Rohstoffen – swisspor

Bis dahin

bau(t).zusammen

09. Oktober 2026, Jeanette Leu